Von Stalinstadt zur Eisenhüttenstadt. Über die Geschichte einer ganz besonderen Stadt.

Die junge DDR baute sich mit Stalinstadt eine Vorzeigestadt um ein riesiges Werk herum. Heute ermöglicht Eisenhüttenstadt eine architektonische Zeitreise. Das schwere Erbe der Planstadt birgt auch eine Chance.

Wer sich für jüngere Geschichte und vor allem jüngere Architekturgeschichte interessiert, ist hier an der östlichen Grenze Deutschlands genau richtig. Bis nach Polen sind es nur wenige Kilometer. Zeuge eines pulsierenden urbanen Lebens wird man heutzutage zwar nicht unbedingt in Eisenhüttenstadt, dabei war das einmal ganz anders.

Man versetze sich gedanklich in die Fünfzigerjahre zurück und stelle sich die Aufbruchstimmung vor, die hier geherrscht haben muss. Ein riesiges Eisenhüttenwerk entstand und drumherum eine ganze Stadt – nach sowjetischen Vorbild, auf dem Parteitag beschlossen und dem Reißbrett geplant. Hier sollte für die junge DDR eine Vorzeigestadt sondergleichen entstehen. Tausende junger Familien kamen bald darauf in den Ort, der eine großartige Zukunft versprach. Hierher zu ziehen, eine moderne Wohnung und eine gut bezahlte Arbeit zu bekommen, das galt quasi als Auszeichnung, denn nicht überall in der DDR lebte es sich so gut wie hier.

Den Namen des sowjetischen Diktators verdankt die Stadt einem historischen Zufall, denn kurz vor der geplanten Taufe starb Josef Stalin im Jahr 1953. Die ursprünglich angedachte Ehrung Karl Marx‘ wurde nun der sächsischen Metrople Chemnitz zuteil. Stalinstadt als urbanes Aushängeschild des Sozialismus orientierte sich architektonisch an einem prominenten Vorbild mit passenden Namen: Der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) in Ostberlin, die zeitgleich entstand. Das Bauen in der Nationalen Bautradition wurde hier zuerst verwirklicht. Einerseits orientierte man sich am sozialistischen Neoklassizismus der Stalin-Zeit, andererseits griff man auch auf preußisch-deutsche Stilelemente zurück. Stalinstadt war jedoch wie die Stalinallee eine vergleichsweise kurze historische Episode. Im Zuge der Entstalisierung wurden beide Prestigeprojekte im Herbst 1961 umbenannt. Aus Stalinstadt wurde Eisenhüttenstadt. Die chronische Ressourcenknappheit in der DDR bekam auch so ein städtebauliches Prestigeprojekt wie Eisenhüttenstadt zu spüren. Nicht alle der ambitionierten Pläne konnten realisiert werden. Von den am Zentralen Platz geplanten Monumentalbauten wurde lediglich eines tatsächlich gebaut, das heutige Rathaus. Später ergänzten Wohnkomplexe mit Plattenbauten aus den sechziger und siebziger Jahren das Stadtbild.

Etwa 65 Jahre nach der Gründung hat sich das Leben hier stark verändert und man spürt das schwierige Los, das eine Stadt mit der Abhängigkeit von einem einzigen Werk gezogen hat. Nach der Wiederveinigung wurden wie überall in der ehemaligen DDR massiv Arbeitplätze abgebaut. Infolgedessen stiegen Arbeitslosigkeit und Abwanderung. Zwischen dem Ende der DDR und heute hat die Stadt über die Hälfte der Einwohner verloren. Waren es Ende der achziger Jahre noch über 50.000, so sind es heute knapp 25.000. Dennoch ist es eine sehenswerte Stadt und sogar das größte Flächendenkmal Deutschlands. Die denkmalgeschützten Wohnkomplexe im Stalin-Stil der Fünfzigerjahre sind saniert. Nicht ohne Grund zieht die Stadt große Filmproduktionen an. Der us-amerikanische Schauspieler Tom Hanks soll ein eingefleischter Fan von „Iron Hut City“ sein, wie er die Stadt ins Englische übersetzt. Eisenhüttenstadt hat aufgrund seiner besonderen Geschichte ein Alleinstellungsmerkmal, das für Besucher und Touristen ausgesprochen spannend ist.

Im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR im Wohnkomplex II im Zentrum der Stadt kann in die Alltagswelt vergangener Zeiten eingetaucht werden. In die Blütezeit einer sozialistischen Planstadt.

Infobox

Eisenhüttenstadt (früher Stalinstadt)

Anreise: Bahnhof "Eisenhüttenstadt"

Web: Homepage der Stadt Eisenhüttenstadt