Klein-Moskau in Brandenburg/Havel

Wo heute das Finanzamt und die Technische Hochschule Brandenburg liegen, befand sich einst ein ganz besonderer Stadtteil. Das Klein-Moskau von Brandenburg/Havel mit seinen roten Fassaden.

Dass das Viertel Ecke Magdeburger Straße/Fouquéstraße in Brandenburg/Havel etwas Besonderes hat, sieht man ihm irgendwie an. Allerdings würde man heute kaum vermuten, dass hier über viele Jahrzehnte vor allem Russisch gesprochen wurde. Die großen, prachtvollen Gebäude aus roten Klinkersteinen sind typisch für Kasernenbauten aus der Zeit der Jahrhundertwende. Das Areal hatte eine lange militärische Nutzung. Während der heutige Campus der Technischen Hochschule Brandenburg nach dem Zweiten Weltkrieg von der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR genutzt wurde, wurden die übrigen Gebäude in der Magdeburger Straße von der Sowjetarmee bezogen. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung Anfang der 1990er Jahre sind die sowjetischen bzw. russischen Streitkräfte abgezogen.

Die Magdeburger Straße und benachbarte Straßenzügen waren für viele Generationen sowjetischer Soldaten ein neues Zuhause. Die jungen Wehrpflichtigen dürften sich jedoch kaum Zuhause gefühlt haben. Ihr harter Kasernenalltag war minutiös durchgeplant und es gab praktisch keine Freizeit und Freiheiten. Den höheren Rängen ging es hingegen deutlich besser. Sowjetische Offiziere lebten hier mit ihren Familien, sodass es neben Kinos und Clubhäusern auch Kindergärten und Schulen gab.

In der Magdeburger Straße 18 befand sich die Schule. Wenn die Kinder morgens in die Schule kamen, stand das große Eingangstor stets offen. Nachdem die letzten Schulkinder drin war, wurde das Portal geschlossen. Trotz der offiziell verordneten „Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft“ blieb das Leben in den sowjetischen Garnisonen vom deutschen Alltag weitgehend abgeschirmt.

Nur einige Meter von der Schule entfernt in der Fouquéstraße befand sich das „Magasin“. Der Laden war bei Enheimischen sehr beliebt, da man hier begehrte Produkte kaufen konnte, die es im DDR-Einzelhand selten oder gar nicht gab. Zum Einkaufserlebnis dazu gehörte im Magasin das laute Klacken der Kugeln des Abakus (Rechengerät), mit dem die Kassiererinnen den Einkauf berechneten, weiß eine ältere Anwohnerin zu berichten. Für sie und die deutsche Nachbarn war es auch ungewöhnlich, dass die sowjetischen Kinder länger wach blieben, als die deutschen Altersgenossen. An lauen Abenden traf man oft sowjetische Offiziersfamilien mit ihren Kindern, die auch noch spät abends zum Marienberg spazierten.

Von der sowjetischen Nutzung ist heute kaum noch etwas übrig geblieben. Neben der noch leerstehenden ehemaligen Wäscherei und stilecht von Birken verdeckt gibt es noch ein typisch sowjetisches Relief. Kyrillisch liest man dagegen heute nur noch über dem Eingang zum alternativen Kulturzentrum „HdO“ (Haus der Offiziere), auch wenn es nur das "d" ist.

Infobox

Viertel Magdeburger Straße/Fouquéstraße

Anreise: Tram oder Bus bis "Fouquéstraße/Fachhochschule"

 

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